„…als würde man an die Hand genommen und in den Himmel geführt!“

„…als würde man an die Hand genommen und in den Himmel geführt!“

Ein Gespräch mit dem Bonner Pianisten Fabian Müller

Lässig sitzt er auf dem Sofa vor dem großen Fenster, das hinter ein paar kahlen Sträuchern den Blick auf ein graues Feld freigibt. Es ist Ende Februar. Endenich. Bonner Westen. Wir sitzen im Wohnzimmer seiner Eltern. An der Wand eine Pendeluhr, ein Biedermeierporträt. Die Einrichtung nüchtern, aufgeräumt, („protestantisch“, denke ich). Der schwarze Flügel wirkt genauso unaufdringlich wie der gläserne Couchtisch. Und Fabian Müller sitzt mir lässig und entspannt gegenüber, wobei ich gleichzeitig eine leichte Unruhe wahrnehme, als warte er von Beginn an das Ende des Gesprächs ab.

“ Es gibt ja viel zu viele Gewinner im Jahr.“

Seit seinem vierten Lebensjahr spielt Fabian Müller Klavier. Er wurde von der Pianistin Rose Marie Zartner unterrichtet und galt schon bald als hochbegabter Schüler, der bundesweit zahlreiche erste Preise beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ gewann. Viermal wurde er von der Deutschen Stiftung Musikleben mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. 2002 gewann Fabian Müller den 2. Preis beim Steinway-Wettbewerb Hamburg, 2011 folgte der Gewinn des „Prix Amadèo“ in Aachen. 2013 wurde er Preisträger beim Ferruccio Busoni Klavierwettbewerb in Bozen, wo er zudem mit dem Sonderpreis für die Interpretation zeitgenössischer Klaviermusik, sowie mit dem Internationalen Pressepreis und einem Sonderpreis für die beste Interpretation eines Werkes von Ferruccio Busoni ausgezeichnet wurde. Im Januar schließlich gewann er den 1. Preis beim internationalen Wettbewerb „Ton und Erklärung“ des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft in Frankfurt.

Bei der Aufzählung seiner zahlreichen Preise winkt Fabian Müller ab und wirkt nachdenklich.“ Es gibt ja viel zu viele Gewinner im Jahr.“ Das erste Problem sei, dass man nicht wisse, wie man das bewerten solle: „Objektiv, das geht ja gar nicht!“ Und es gebe auch „sehr viel ungerechte Klüngelei.“

Auf dem Feldweg hinter dem Haus läuft ein Jogger vorbei. Bereits der dritte innerhalb einer Viertelstunde.

Fabian Müller beim Wettbewerb "Ton und Erkärung" mit dem Orchester des Hessischen Rundfunks (Foto Anna Meuer)

Fabian Müller beim Wettbewerb „Ton und Erkärung“ mit dem Orchester des Hessischen Rundfunks (Foto: Anna Meuer)

Aber er sei ja selber davon betroffen: „Wenn ich einen in der Jury kenne, wird der, wenn er mich mag, im Zweifelsfall eher für mich sein. Wenn der aber meinen Lehrer nicht mag oder eifersüchtig auf ihn ist, dann wird er im Zweifelsfall gegen mich sein.“ Nein Böswilligkeit wolle er niemandem unterstellen. Aber es sei schon äußerst subjektiv „bis ins Extreme“. Den Preisen misst er nicht so viel Bedeutung bei, wie es das Publikum oft tut. Wichtiger sind wohl die Konzerte selbst.

„Du wirst mal ein Star!“ – „Das ist Quatsch!“

Die Konkurrenz ist groß. Und doch: Viele seiner Kollegen, ungefähr im gleichen Alter wie er, „die selbe Liga wie ich“, die sehr früh angefangen haben und bereits fertig mit dem Studium sind, haben keine Konzerte. „Wenn Du dann da stehst und nichts hast, dann ist es ja auch unglaublich schwierig irgendwo überhaupt reinzukommen. Und dann musst Du stattdessen anfangen an die Musikschule zu gehen und Unterricht geben. Sobald Du damit anfängst, wird es ja noch schwieriger: dann hast Du weniger Zeit zum Üben…“ Viele Leute seien Klavierstars, Musikstars – in ihrem Umfeld. Es gebe Tausende davon, überall. Aber das Umfeld könne das überhaupt nicht einordnen. „Und wer hat da schon Ahnung von? Die kann man ja nicht haben, wenn man nichts mit der Branche zu tun hat.“ Da heißt es dann oft: „Du wirst mal ein Star!“ Aber „das ist Quatsch!“
Er sei zum Glück noch nicht in der Situation.“Wär dann auch nicht schlimm, kann einem auch mal passieren…“, sagt er wie beiläufig. „Aber untergründig träumt man ja immer davon, dass es klappt. Aber wenn es dann nicht klappt, und das passiert vielen, ist das sehr hart!“

Fabian Müller (Foto: Michael Schilderoth)

„Und schließlich ringt man auch mit sich.“ (Foto: Michael Schilderoth)

Aber gab es denn jemals Alternativen? Die Antwort verwirrt: „Eigentlich war es ebenso klar das Klavierspiel zum Beruf zu machen, wie ich genauso gut etwas anderes hätte machen können.“ Fabian Müller sagt das ohne jede Koketterie oder gar Überheblichkeit. Es hat sich wohl so ergeben.

„Ich werde immer direkt müde, wenn es um solche Dinge geht!“

Also gehört zum beruflichen Erfolg mehr als Können, mehr als Technik und Musikalität. Auf die Frage, ob es einer Strategie bedürfe, ob Wettbewerbe, Kontakte und vielleicht auch das Repertoire eine Rolle spielen, antwortet der 24jährige etwas müde-resigniert und doch zugleich auch sehr abgeklärt: „Wahrscheinlich alles auf einmal…“ Er holt tief Luft, wippt etwas unruhig auf dem Sofa und blickt zu Boden. „Ach ja, das weiß ich auch nicht… Ich glaube, man muss viel machen. …“ Dann wischt er die Gedanken an die ungelösten Fragen und Aufgaben weg und sagt, während er sich wieder aufrichtet: „Das Wichtigste ist einfach immer noch für mich persönlich, dass ich Klavier spiele, dass ich viel übe! Dann weiß ich schon sehr genau, was für ein Pianist ich bin, oder was ich sein will.“

Fabian Müller beim 59. Ferruccio Busoni Klavier-Wettbewerb

 Sich um seine Karriere zu kümmern, macht Fabian Müller keinen Spaß. „Ich fänd‘ es schon angenehm, wenn da eine Agentur wäre, die sagt: Wir versorgen Dich jetzt regelmäßig mit Konzerten. Aber da weiß man heutzutage auch nicht…Dann ist man bei einer Agentur, und die haben dann noch 100 andere Künstler, und dann bist Du erstmal in der untersten Rangordnung, und dann wirst Du auch nicht gefragt, musst der Agentur aber für jedes Konzert, das Du Dir selber organisierst, Geld zahlen. Das sind immer so Exklusivverträge. Das ist alles nicht so einfach. – Nein, Agenturen und Manager, das ist nichts, was mich irgendwie interessiert! Aber es ist schon was, um das man sich irgendwie kümmern muss.“ Ganz offenbar nervt ihn das Thema. „Ich werde immer direkt müde, wenn es um solche Dinge geht“, sagt er und lacht, um möglichst schnell das Thema zu wechseln. Tatsächlich haben die Agenturen in Deutschland eine teilweise erdrückende Marktmacht. Künstler, die in den seltensten Fällen gute Geschäftsleute sind, haben so gut wie keine Chance, sich selbst zu vermarkten.

„Ich spiele fast keinen Chopin: Das machen so viele so gut!“

Also sprechen wir über Musik, über die Musik, die Fabian Müller mag, die er gerne spielt. Beethoven und Brahms, aber auch der moderne ungarische Komponist György Ligeti sind absolute Favoriten. „Ich bin also jetzt nicht so die Virtuosenschule. Was nicht heißt, dass ich keine gute Technik habe. Aber ich bin halt sehr im deutschen Repertoire…viel Beethoven, viel Brahms… Und dann mache ich noch sehr gerne moderne Musik, 20., 21. Jahrhundert, weil mein Lehrer das auch sehr viel macht…Ich spiele z.B. fast keinen Chopin…Das machen so viele so gut…Das brauche ich nicht…und das ist auch nicht das, was ich am unmittelbarsten fühle. Ich weiß, was ich sein möchte.“

Mit großem Ernst und großen Ideen: Fabian Müller (Foto: Bonse)

Mit großem Ernst und großen Ideen: Fabian Müller (Foto: Bonse)

Wenn es um das unmittelbare Gefühl geht, dann fühlt er sich Interpreten wie Alfred Brendel, Edwin Fischer oder auch Arthur Schnabel und Svjatoslaw Richter „einfach viel näher“, als etwa Evgeny Kissin, den er für einen der zurzeit technisch besten Pianisten hält. Er selbst fühlt sich aber stärker mit der Tradition der deutschen und österreichischen Klaviermusik verbunden, „mit viel Nachdenken…sehr tief“. So überrascht es nicht, dass er bei Beethoven regelrecht ins Schwärmen gerät. Dem 4. Klavierkonzert begegne er mit großer Ehrfurcht. Da sage man nicht einfach „Das macht Spaß und Laune“. Dieses Konzert sei vielmehr „eine besondere Herausforderung“ und er habe damit „eine große Verantwortung“.

„Und schließlich ringt man auch mit sich.“

Hatte Fabian Müller noch vor ein paar Minuten von seiner Leidenschaft fürs Fußball- und Computerspielen und von seinen regelmäßigen Trainings im Fitnessstudio erzählt, dass ich kurz den Eindruck gewann, da sitzt ein junger Mann, der vor Energie strotzt, lässig und lebenslustig, so verwandelte sich mein Gegenüber plötzlich in einen empfindsamen, nachdenklichen und hochkonzentrierten Menschen. Mit großem Ernst und eine große Idee umschreibend fährt er fort: „Man hat dann so einen extrem hohen Anspruch das gut zu machen…und es ist so schwierig….auf allen Ebenen…musikalisch, technisch, mit dem Orchester zusammen… Und es ist ja auch immer eine Drucksituation: Wenn’s gut läuft, dann ist es super, aber es ist nicht einfach nur Spaß, nicht so eindimensional, und man hat dann Ehrfurcht vor solchen Stücken, (das ist mehr als Respekt). Und schließlich ringt man auch mit sich.“

Beethoven 4. Klavierkonzert sei ganz außergewöhnlich. Es ist keines dieser klassischen virtuosen Bravourstücke. „Es kämpft nicht um Anerkennung. Schon gleich zu Beginn des Konzertes ist es so, als würde man an die Hand genommen und in den Himmel geführt.“ Lange Pause. Stille. Ich glaube das Gespräch ist zu Ende, und Fabian Müller will sich lieber an den Flügel setzen, um das Unaussprechliche zu spielen.

Neugieriger hätte er mich schwerlich entlassen können.

Am 3. Mai 2015 spielt Fabian Müller im Rahmen des diesjährigen Frühjahrskonzerts gemeinsam mit dem COLLEGIUM MUSICUM Bad Honnef Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur op.58.

Hier finden Sie Bilder von der jüngsten Orchesterprobe mit Fabian Müller und dem COLLEGIUM MUSICUM.


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Text: Paul Schilling